Haddeby, 19.–22. August 2026
Am Anfang eines jeden mehrtägigen Festivals steht die Anreise. Der traditionelle Stau zum Campground, man kennt es und hofft jedes Mal nicht zu lange im Stau zu stehen. Es ist mal besser und mal schlechter organisiert. Wie auch im Vorjahr erwartete uns mit etwas Abstand zum Festival bereits erste Straßenposten, welche uns zusätzlich zu den aufgestellten Schildern leiteten. Gezielt eingerichtete Straßensperren lenkten den Anreiseverkehr in eine geordnete Schlange, welche sich um den Königshügel zog und zügig abgearbeitet wurde. Vom ersten Schild bis auf den Campground waren wir etwas über eine Stunde unterwegs. Eine gute Zeit. Die Orga hat hier ein tragfähiges Konzept auf die Beine gestellt.
Auf die Beine stellten wir erst einmal unser Camp auf C3. Im Anschluss erfolgt ein Abstecher zum Supermarkt unten in Busdorf und danach starteten wir den Grill. Dank des mitgebrachten Fahrrades musste der festivaleigene Shuttlebus nicht in Anspruch genommen werden. Mit laufendem Grill macht sich ein Gefühl von Angekommen im Camp breit.
Wenn das Baltic Open Air seine Tore öffnet, wird aus dem Wikingerland Haddeby für ein paar Tage eine eigene kleine Welt. Zwischen Königshügel, Campingplatz und Festivalgelände treffen nordische Geschichte und moderne Rockmusik aufeinander. 2026 zeigte sich einmal mehr, warum das Baltic Open Air seinen festen Platz im norddeutschen Festival-Kalender verdient hat. Am Mittwoch Abend sind die ersten drei Acts auf der Viking Stage auf dem Vorplatz des Infields. Sloppy Joes spielen um 18 Uhr auf. Gefolgt von den Andersons um 20 Uhr und Metal Worx um 22 Uhr.
Das Konzept des Festivals ist dabei denkbar einfach: gute Rock- und Metal-Bands, kurze Wege, Camping und eine ordentliche Portion Wikinger-Flair. Mit rund 10.000 Besuchern bleibt das Festival vergleichsweise überschaubar – und genau das ist eine seiner größten Stärken. Musikalisch ließ sich der Veranstalter 2026 nicht lumpen. Mit Eisbrecher, Hämatom und Saltatio Mortis standen drei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen zugkräftige Headliner auf dem Programm. Dazu kamen internationale Namen wie Wind Rose und Floor Jansen, sowie Szenegrößen wie Axel Rudi Pell, H.E.A.T., Warkings und Nestor.
Besonders gelungen war dabei die Mischung, die dem Publikum geboten wird. Das Baltic Open Air versucht nicht, sich auf eine einzige Spielart des Heavy Rock festzulegen. Klassischer Hard Rock trifft auf Neue Deutsche Härte, Power Metal, Mittelalter-Rock und modernen Metal. Wer mit einem bestimmten Genre wenig anfangen kann, findet trotzdem genügend Alternativen. Eisbrecher passten mit ihrer Mischung aus Industrial-Rock und NDH hervorragend als großer Festival-Act. Saltatio Mortis wiederum brachten genau jene Verbindung aus Mittelalter-Atmosphäre und moderner Rock-Energie mit, die zum Veranstaltungsort kaum besser passen könnte. Und mit Floor Jansen stand eine der stimmlich herausragenden Sängerinnen des Genres auf der Bühne.
Das Baltic Open Air setzt auf zwei Bühnen und vermeidet damit zumindest grundsätzlich das Problem vieler kleinerer Festivals: lange Pausen zwischen den interessanten Acts. Die beiden Bühnen ermöglichen es, auch weniger bekannte Bands zu entdecken, ohne dass der Tag ausschließlich aus den großen Namen besteht. Und gerade hier lagen einige der spannendsten Momente des Festivals. Neben den Headlinern gab es genügend Gelegenheit, Bands kennenzulernen, die man vielleicht (noch) nicht auf der persönlichen Festival-Playlist hatte.

Das Programm auf der Hauptbühne startet am Donnerstag. Zur Infielderöffnung ertönen Hörner, ein Ritual was sich hier stets wiederholt. Passend zum Wikingerthema des Baltic Open Air eröffnen Sagenbringer die Valhalla Stage. Für die Herren von der verschwindenden Insel Sylt fast ein Heimspiel. Mit Ihren Texten zu Sagen, Mythen und vergangenen Zeiten passt die Band perfekt hierher.

Ihnen folgten die Ochmoneks, eine düsseldorfer Punkrockband. Das Lineup legt hier einen der zuvor erwähnten Stilwechsel hin.

Hell Boulevard bei Tageslicht wirkt anders. Dennoch gab es eine große Packung düsteren Gothic Rock mit Glam-Faktor. Atmosphärisch interessant und eine gute Ergänzung zum härteren Programm, vor allem für die schwarze Fraktion.

Moderner, eingängiger Power Metal mit viel Pathos und Fantasy-Ästhetik wurde von All For Metal inszeniert. Musikalisch weniger düster, dafür umso hymnischer und publikumsorientierter.

H.E.A.T. posten bis zum Herzstillstand, und brachten ihren schwedischen Hard Rock gekonnt auf die Bühne. Diese bebte mit eingängige Songs und verbreitete jede Menge gute Laune.

Direkt vor dem Headliner spielten Wind Rose auf. Die italienischen „Dwarves of Metal“ brachten epischen Power Metal auf die Bühne. Schwere Gitarren und hymnische Songs sorgten für eine ganz eigene Atmosphäre. Neu ist der Outrodancetrack, welcher statt „Diggy Diggy Hole“ nun auf „Rock and Stone“ aufbaut. Dennoch wird hier eine Tradition weitergeführt.

Den Headlinerslot am Donnerstag spielte Hämatom. Es wurde so richtig gaga. Mit ihrem provokanter, modernen Metal mit markanter Masken-Optik. Die Band lieferte harte Riffs, eingängige Refrains und eine energiegeladene Bühnenshow. Inklusive Abriss eines Zauns, wenn auch nur auf der Bühne. Dennoch starke Symbolik.

Der Freitag war ebenso durchwachsen im Genremix wie der Vortag. Mit ihrem starken Darkrock eröffnete Erdling am Freitag die Mainstage ab. Dabei bedienten sie sich u.a. stark an Elementen der NDH. Der Tag startete der Sonne trotzend finster.

Auf Erdling folgten Soulbound. Sie sind schwer einzuordnen, und passen in keine Schublade. Und genau das macht sie einzigartig. Starke Vocals mit robustem Metalunterbau, corigen Elementen und Nuancen von NDH und EBM. Ein musikalisch spannender Mix.

NDH mit Metaleinflüssen lieferte ebenfalls die nürnberger Kapelle Schattenmann ab. Erneu ein gekonnter Auftritt. Zuletzt sah ich sie im Musikzentrum Hannover. Der Zebralook des Gitarristen ist jedes Mal ein optisches Alleinstellungsmerkmal.

Mixed Up Everything tauchten als Überraschung im Lineup auf und sprangen für die krankheitsbedingt ausgefallenen Rose Tattoo ein. Die vier Brüder aus Australien, wie Rose Tattoo, wirkten auf den ersten Blick wie Hanson mit Testosteron. Sie überraschten mich mit witzigen Ansagen und stellten technisch gut gemachten, Stimmung verbreitenden Rock auf die Bühne. Frech, dynamisch, gelungen. Die muss ich mir merken.

Mr Irish Bastard stachelten das Publikum mit frechem Irish Folk Punk zum Tanzen und Feiern auf. Eine willkommene Portion Punkrock- und Pogo-Atmosphäre zur Auflockerung des Tages.

Eine Wagenladung historisch angehauchten Power Metal lieferten die Warkings auf der Bühne ab. Dazu eine Feuershow, die niemanden im vorderen Drittel frieren ließ. Kleines Latinum inklusive.

Einen grandiosen Auftritt legten die Herren von Nestor hin. Die Schweden sind musikalisch stark im melodischen Hard Rock der 80er verwurzelt. Und diesen verkörperten sie wieder einmal hervorragend.

Headliner am Freitag waren Eisbrecher. Die Münchner um Frontmann Alex Wesselsky lieferten ihre Mischung aus Industrial Metal, elektronischen Klängen und treibenden Riffs – ein klassischer Festival-Headliner mit ordentlich Druck.

Der Samstag startete für mich überraschend elektronisch. Vogelfrey eröffneten mit einem witzigen Döp Dö-Döp und machten Mittelalter great again. Vor der Bühne war es entsprechend voll. Im Publikum, wie auf der Bühne herrschte eine Megastimmung. Dem Feixen auf der Bühne nach, hatte die Band sichtlich Spaß.

Meine zweite Show von Lacrimas Profundere dieses Jahr überzeugte ebenfalls. Melodischer Dark Rock mit Gothic-Einschlag führen weniger zum Festival-Abriss, dafür eine interessante dunklere Klangfarbe. Der Sänger crowdsurfte, sang dabei und war viel am Publikum. Ein besonderes Highlight wird der Auftritt für einen Jungen in der ersten Reihe gewesen sein. Er erhielt ein Autogramm des Sängers, während dieser den Song vollendete. Core Memory unlocked!

Es folgten Artefuckt und Rauhbein. Musikalisch nicht meins, aber erfahrene Musiker.

Wundervoll zelebrierten Schweinerock gab es von Barock. Bawem? Barock, einer AC/DC-Tributeband auf hohem Niveau, weit über den meisten Coverbands. Wer Angus-Young-Riffs und „Highway to Hell“-Feeling sucht, bekam genau das, inklusive guter Show.

Eine der herausragenden Stimmen des Wochenendes war die von Floor Jansen. Kraftvoll, vielseitig und technisch beeindruckend, musikalisch ein echtes Highlight. Natürlich inklusive Nightwish-Songs.

Axel Rudi Pell traten direkt vor dem Headliner am finalen Abend auf. Pell beweist einmal mehr, dass klassische Gitarrenarbeit auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Wirkung verliert. Leider war der Sänger noch etwas erkältet, was seine Darbietung etwas abschwächte.

Saltatio Mortis spielten den finalen Headlinerslot und lieferten Ihre klassische Show ab. Pathos, Flammenshow und eine Tanzeinlage, die in Schlagermanier vorgeführt wurde. Natürlich wurde im Minidrachenboot gecrowdsurft, dass darf dabei nicht fehlen. Das Publikum nahm es begeistert auf und feierte frenetisch mit. Saltatio Mortis haben einfach diesen Effekt auf Ihr Publikum.

Leider gab es an allen Tagen sporadische Tonprobleme, welche jedoch über das Festival abnahmen. Groß störend war es nicht. Auffallend war dieses Jahr, dass das Gelände anders aufgeteilt war. Das Infield der letzten Jahre ist nun ein Solarpark, dafür rückte das Infield im Geländeplan eine Feld weiter nach rechts. Wodurch der Mittelaltermarkt ebenfalls auf ein anderes Feld rückte. Den neuen Gegebenheiten geschuldet, aber der Stimmung tat es keinen Abbruch.
Der Vorverkauf lief gut an, Samstag waren die beiden ersten Preisstufen bereits verkauft.
Das Baltic Open Air 2026 war kein Festival, das das Rad neu erfinden musste. Es hat vielmehr das eigene Konzept konsequent weitergeführt – und genau darin liegt seine Stärke. Starke Rock- und Metal-Bands, eine ungewöhnliche Kulisse, Wikinger-Flair und eine angenehme Festivalgröße ergeben ein Gesamtpaket, das sich wohltuend von vielen größeren Veranstaltungen unterscheidet. Musikalische Höhepunkte gab es reichlich, das Line-up bot genügend Abwechslung und der Königshügel sorgte dafür, dass das Festival auch optisch und atmosphärisch einen eigenen Charakter entwickelte und erhielt. Wer Rock und Metal mag und dabei lieber auf einem norddeutschen Königshügel als in einer anonymen Festival-Arena feiert, sollte das Baltic Open Air definitiv auf dem Zettel haben.
Fazit: Bin voller Vorfreude aufs nächste Jahr.
Schall und Laut bedankt sich beim Veranstalter für die Akkreditierung und den freundlichen Empfang und die Betreuung vor Ort.
Text und Fotos: JJ









