Der letzte Festivaltag ist immer etwas Besonderes. Der Körper merkt inzwischen vier Tage Festival deutlich und mobilisiert noch einmal alle Kräfte. Gleichzeitig schwingt schon ein wenig Wehmut mit. Einige Besucher bauen ihre Camps bereits ab, um nach den Konzerten direkt die Heimreise anzutreten. Dabei warten am Samstag traditionell noch einige der größten Highlights des Festivals. Für mich steht jedenfalls noch einiges auf dem Programm. Also erst einmal frühstücken, Kräfte sammeln und kurz nach elf geht es wieder Richtung Infield.

Die kurzfristig für Watch Me Rise eingesprungenen Pinhead eröffnen den Tag mit einer mitreißenden Performance. Das Publikum verfolgt den Auftritt zunächst aufmerksam und zurückhaltend, wird aber von Song zu Song aktiver. Die ruhigen und sympathischen Ansagen des Sängers passen perfekt zur Atmosphäre. Besonders stark wirkt der Moment, als er auf einer Box steht, aus der dichter Nebel strömt, während der Wind den Rauch hinter ihn zieht. Ein einfaches Bild mit großer Wirkung. Für Gänsehaut sorgt außerdem ein vom Cello begleiteter Song. Auch der Bassist überzeugt mit seinem intensiven Stageacting und seiner ausdrucksstarken Mimik, irgendwo zwischen völliger Konzentration und kontrolliertem Wahnsinn. Ich bin sicher, dass sich Pinhead hier einige neue Fans erspielt haben.

Direkt im Anschluss wird es deutlich härter. Drone feuern ihren Groove Metal mit voller Wucht ins Publikum. Frontmann Mutz unterhält dabei wie gewohnt mit seiner Mischung aus trockenem Humor und völliger Übertreibung. „Danke, dass ihr euch aus euren Luxuscampern gepopelt habt. „Es ist heute sein letztes Konzert mit der Band“, sagt er über Bassist Fabian Harms. „Ich würde mir wünschen, dass ihr euch jetzt noch ein bisschen die Nase brecht, damit er zum Abschied noch etwas zu sehen bekommt. Ach, scheiß drauf. Abfahrt!“ Große Circle Pits und Moshpits lassen nicht lange auf sich warten.

Auf Tailgunner freue ich mich schon seit Bekanntgabe des Line-ups. Die Briten leben den klassischen Heavy Metal mit Leder, Ketten und jeder Menge Posing. Dazu kommt ein Mikrofonständer mit riesigem Tailgunner-Schriftzug, der immer wieder weit ins Publikum gehalten wird. Zwischendurch gibt es einen Schluck aus der Jack-Daniel’s-Flasche, während die Band scheinbar mühelos einen starken Querschnitt ihrer beiden Alben präsentiert. Neben Midnight Blitz und Tears of Rain sorgen auch Guns for Hire und Shadow of War für begeisterte Reaktionen.

Death Metal gibt es am Samstag zwar vergleichsweise wenig, dafür auf höchstem Niveau. Necrotted legen direkt kompromisslos los. „Seid ihr noch fit? Gut. Dann föhnen wir euch jetzt mal die Haare.“ Wenig später folgt eine der witzigsten Ansagen des gesamten Festivals. „Wenn ich so auf die Uhr gucke, sind 23 Minuten um. Ihr kennt das alle seit der Weltmeisterschaft. Kurzer Hydration Break. Das wird auf gar keinen Fall für Werbung genutzt.“ Genau in diesem Moment läuft im Hintergrund jemand mit einem hochgehaltenen Necrotted-Shirt über die Bühne. Danach geht es ohne Gnade weiter.

Für mich gehört Tungsten zu den größten Überraschungen des gesamten Festivals. Eigentlich wollte ich den Auftritt teilweise weiter hinten verfolgen, um auch die Stimmung im Publikum einzufangen. Daraus wurde nichts. Ich stand fast das komplette Konzert ganz vorne und konnte mich erst zum letzten Song loseisen. Dafür war einfach jeder einzelne Song zu gut. Besonders die neuen Stücke Joker, bei dem sogar ein Joker auf der Bühne auftauchte, und Sunshine of Fall funktionierten hervorragend. Aber auch On the Sea, The Fairies Dance und Bite My Tongue, zu dem Material für ein Musikvideo aufgenommen wurde, zündeten sofort. Herrlich verrückt war außerdem der Bassist, der während eines Songs kurzerhand auf die Nachbarbühne wechselte und dort weiterspielte, bevor er zum Finale wieder zurückkehrte.

Die kurze Pause bis Crypta nutze ich für ein Kaltgetränk. Inzwischen sind die Brasilianerinnen für mich inzwischen eine feste Größe im Death Metal. Der Sound ist brutal und druckvoll, jede Note sitzt. Vor allem Frontfrau Fernanda überzeugt mit ihrer intensiven Ausstrahlung. Ihr grimmiger Blick, die kraftvolle Bühnenpräsenz und die sichtbare Spielfreude der gesamten Band machen den Auftritt zu einem echten Highlight. Moshen, Headbangen und einfach genießen. Nach mittlerweile einigen Jahren ohne neues Album wächst außerdem die Vorfreude auf den nächsten Longplayer.
Nach dieser Wucht nutze ich die Gelegenheit für einen ruhigeren Moment und schaue mir die Artwork-Ausstellung von Thomas Ewerhard, Björn Gooßes und Wito Apitzsch an. Die ausgestellten Werke gefallen mir ausgesprochen gut. Vor einigen Motiven bleibe ich längere Zeit stehen und entdecke immer wieder neue Details. Ein Besuch, der sich für jeden lohnt, der sich nicht nur für Musik, sondern auch für die visuelle Seite des Metal begeistert.

Eigentlich wollte ich Majestica möglichst weit vorne erleben. Durch ein paar nette Gespräche wird daraus nichts. Die Show überzeugt trotzdem, während aus den Sonnenstrahlen langsam feiner Regen wird.

Auch bei Annisokay lässt sich vom Wetter niemand die Stimmung verderben. Der druckvolle Sound sorgt weiterhin für Bewegung im Infield, das sich von weiter hinten wunderbar beobachten lässt.

Finntroll habe ich schon länger nicht mehr live gesehen. Entsprechend groß ist die Vorfreude. Der Sound ist leider nicht ganz optimal, wodurch manche Songs etwas an Wirkung verlieren. Meinen Spaß habe ich trotzdem.

Mit Danko Jones konnte ich auf Platte bisher nie viel anfangen. Live sieht das überraschend anders aus. Seine lockeren Ansagen und die sichtbar gute Laune springen sofort aufs Publikum über und machen den Auftritt zu einer echten Überraschung.

Bei Doro entscheide ich mich nach den ersten Songs für einen kurzen Abstecher ins Camp, um noch etwas zu essen.

Pünktlich zu Emperor bin ich zurück. Den Beginn der Show verbringe ich gemeinsam mit Martin vom Zwischen-Welten-Radio und Chaoten on Tour, später stößt auch Jan dazu, nachdem er seine Arbeit im Fotograben erfolgreich erledigt hat. Grünes Bühnenlicht, einsetzende Dunkelheit und die einzigartige Atmosphäre der Band versetzen uns sofort zurück in die Neunziger. Frontmann Ihsahn kommentiert trocken, dass die „Connection upstairs“ heute offenbar besser funktioniere, da es diesmal nicht regnet.

Auf Feuerschwanz war ich besonders gespannt, nachdem mir so viele von ihren Livequalitäten vorgeschwärmt hatten. Schon lange vor Beginn ist das Infield brechend voll. Feuersäulen schießen immer wieder in den Nachthimmel, während die Band mit ihrer Mischung aus Humor, Energie und starken Songs das Publikum vom ersten Moment an fest im Griff hat. Das elfte Gebot entwickelt sich zur Hymne des Abends, Knightclub und Schubsetanz sorgen für gewaltige Moshpits und bei Bastard von Asgard singt praktisch das gesamte Infield mit. Mit Name der Rose wird es zwischendurch emotional, bevor die Stimmung sofort wieder explodiert. Zum Song Valhalla betritt Doro die Bühne und sorgt für einen besonderen Moment. Weniger passend wirkt ihr späterer Auftritt bei Gangnam Style, der für mich etwas deplatziert wirkt. Am großartigen Gesamteindruck dieser Headlinershow ändert das allerdings nichts.

Soen bilden den musikalischen Schlusspunkt des Festivals. Nach der intensiven Feuerschwanz-Show verfolgen wir den Auftritt mit einem letzten Getränk vom Biergarten aus. Müde, aber glücklich geht es anschließend zurück ins Camp, wo wir den Abend noch lange gemeinsam ausklingen lassen.
Für mich war das ROCKHARZ 2026 ein ganz besonderes Festival. Ich habe viele großartige Menschen kennengelernt, endlich die Teufelsmauer besucht und unglaublich viele starke Konzerte aus den unterschiedlichsten Metal-Genres erlebt. Besonders in Erinnerung bleiben werden mir die Bands, die ich ohne das Festival vermutlich nie live gesehen hätte und die mich dennoch vollkommen überzeugt haben.
Ebenso positiv ist mir aufgefallen, wie sauber sowohl das Infield als auch der Campingplatz während des gesamten Festivals geblieben sind. Beeindruckend ist außerdem, mit wie viel Engagement das Thema Inklusion umgesetzt wird. Das ROCKHARZ setzt hier Maßstäbe und schafft es gemeinsam mit seinen Besuchern, eine Atmosphäre zu erzeugen, die von gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme geprägt ist. Genau dieses Miteinander macht das Festival für mich so besonders.
Mein herzlicher Dank geht an Veruga und das gesamte ROCKHARZ-Team für die Akkreditierung, den freundlichen Empfang und die hervorragende Organisation. Wir kommen sehr gerne wieder.
Text: Mario W.
Fotos: JJ
Wer die Atmosphäre des ROCKHARZ 2026 noch einmal erleben möchte, sollte sich unbedingt das offizielle Recap-Video anschauen. Es fängt die Stimmung auf und vor der Bühne hervorragend ein und bildet den perfekten Abschluss von vier unvergesslichen Festivaltagen.










