Tortuga im Interview: „Mehr Piraten fürs Klima!“

Piraten? Metal? Rum? Ein Nudelsieb? Und was zum Teufel hat das alles mit dem Klimawandel zu tun?
Wer Tortuga beim Helmfest erlebt hat, weiß zumindest eines: Diese Truppe nimmt ihre Musik durchaus ernst – sich selbst allerdings nicht unbedingt immer.
Grund genug, die Freibeuter aus Dillingen einmal zu uns ins Beiboot zu holen. Bei Schall und Laut sprachen wir mit der Crew über die Entstehung von Tortuga, Piraten im Saarland, Metal-Puristen, Rum im Proberaum, das Fliegende Spaghettimonster und natürlich über das neue Album.
Ach ja: Wer bis heute geglaubt hat, der Klimawandel sei eine komplizierte Angelegenheit, kann sich entspannen. Die Lösung ist erstaunlich einfach. Wir brauchen mehr Piraten!
Schall und Laut: Ahoy und willkommen! Klären wir erst einmal die Mannschaftsstärke. Wie viele Holzbeine befinden sich momentan an Bord?
Tortuga: Momentan sind wir vier Piraten. Eigentlich viereinhalb. Unser ehemaliger Bassist Bill hat uns zwar offiziell verlassen, unterstützt uns aber weiterhin, zum Beispiel wenn im Studio Bass eingespielt werden muss. Heute sitzen drei von uns vor dem Mikro, weil ein Pirat krankheitsbedingt ausgefallen ist.
Schall und Laut: Viereinhalb Piraten klingt schon einmal standesgemäß. Aber warum überhaupt Piraten? Warum keine Wikinger, Trolle oder eine ganz normale Metalband?
Tortuga: Das ist eigentlich ganz einfach: Wegen des Klimawandels.
Früher gab es viel mehr Piraten und das Weltklima war deutlich kühler. Heute gibt es immer weniger Piraten und die Temperaturen steigen. Daraus kann man nur einen logischen Schluss ziehen: Wir brauchen wieder mehr Piraten! Piraten sind schließlich cool und kühlen dadurch automatisch das Klima.
Schall und Laut: Also praktisch „Pirates for Future“?
Tortuga: Genau! Das wäre eigentlich ein gutes T-Shirt.
Schall und Laut: Vermutlich gäbe es damit auch einen schönen Shitstorm.
Tortuga: Damit können wir leben. Wir sind ziemlich schmerzbefreit.
Schall und Laut: Kommen wir einmal zur Geschichte der Band. Tortuga gibt es seit 2014. Wie fing der ganze Bums an?
Tortuga: Am Anfang saßen im Grunde zwei Piraten im Garten. Tortuga war ursprünglich überhaupt nicht als richtige Band gedacht, sondern eher als Studioprojekt. Wir haben uns im Keller ein kleines Tonstudio gebaut und einfach angefangen, Musik zu machen.
Das Ganze ist dann immer weiter gewachsen. Aus dem Studioprojekt wurde irgendwann eine Liveband und aus dem kleinen Schiffchen langsam eine Fregatte.
Heute haben wir eine Mannschaft, mit der es menschlich und musikalisch sehr gut funktioniert, und dazu eine Crew hinter uns, die uns unglaublich unterstützt. Die Leute fahren zu Konzerten mit, helfen bei Videos oder Chören und sind einfach da. Das ist schon etwas Besonderes.

Schall und Laut: Auf so einer langen Fahrt gibt es aber vermutlich auch Untiefen.
Tortuga: Natürlich. Wenn sich Lebensumstände verändern, trennen sich manchmal Wege. Vielleicht wird einem die Band zu viel oder die Ziele passen irgendwann nicht mehr zusammen. Solche Situationen hatten wir auch. Aber insgesamt konnten wir das immer vernünftig lösen.
Und wenn nicht, geht es eben über die Planke.
Schall und Laut: Der Captain hat gesprochen!
Schall und Laut: Neue Besatzungsmitglieder müssen wahrscheinlich erst einmal eine Aufnahmeprüfung bestehen?
Tortuga: Selbstverständlich. Als Erstes muss man überprüfen, ob der neue Pirat trinkfest ist.
Schall und Laut: Eine harte wissenschaftliche Prüfung also?
Tortuga: Simon kann davon erzählen. Sein erster richtiger Bandabend ging ungefähr bis sieben Uhr morgens. Danach war er nach eigener Aussage noch zwei Tage besoffen.
Schall und Laut: Das klingt nach einem konsequenten Auswahlverfahren.
Tortuga: Aber irgendwoher muss die positive Stimmung in unserer Musik schließlich kommen.
Schall und Laut: Wer euch nur auf Fotos sieht, könnte zunächst denken: „Aha, Piratenband – da weiß ich ja, was musikalisch kommt.“ Ganz so einfach macht ihr es den Leuten aber nicht.
Tortuga: Genau. Wir werden da manchmal etwas unterschätzt.
Viele erwarten klassische Piraten- oder Folk-Metal-Musik. Eigentlich spielen wir aber traditionellen Heavy Metal mit viel 80er-Rock. Hier und da kommen folkige Instrumente dazu, aber eben nicht ständig. Wir wechseln das bei den Shows bewusst ab. Oft beginnen wir sogar mit einem ziemlich klassischen Metal-Song, damit die Leute erst einmal hören, wo wir musikalisch herkommen.
Dann sehen sie die Piratenklamotten, irgendwann wird herumgehüpft und plötzlich haben alle Spaß.
Schall und Laut: Auf dem Helmfest hat das jedenfalls hervorragend funktioniert. Vor der Bühne war ordentlich Betrieb.
Tortuga: Gerade im Norden funktioniert das für uns sehr gut. Wir haben das Gefühl, die Leute dort fahren ziemlich auf Piraten ab.
Im Süden ist das manchmal schwieriger. Bands mit solchen Konzepten und Verkleidungen findet man gefühlt häufiger im Raum Hannover, Hamburg, Lübeck oder Oldenburg. Bei uns sind wir damit etwas allein auf weiter Flur.

Schall und Laut: Wäre es da nicht einfacher, einfach eine stinknormale Metalband zu machen?
Tortuga: Das wäre doch langweilig! Und außerdem würden wir dann nichts mehr gegen den Klimawandel tun.
Schall und Laut: Wie reagieren eigentlich die berühmten Metal-Puristen auf euch? Es gibt ja Menschen, für die schon der falsche Schnürsenkel bedeutet, dass etwas „kein echter Metal“ mehr ist.
Tortuga: Persönlich haben wir auf Festivals eigentlich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Uns ist noch niemand nach einem Konzert begegnet und hat gesagt: „Was ihr da macht, ist scheiße. Fahrt wieder nach Hause.“
Im Internet sieht das natürlich anders aus. Da haben manche Leute plötzlich einen sehr großen Mund. Unter Videos, Livestreams oder Social-Media-Beiträgen findet sich immer mal jemand, der unbedingt etwas Negatives schreiben muss.
Aber damit muss man umgehen können. Auf den Festivals selbst erleben wir eigentlich das Gegenteil. Da feiern die Menschen mit uns.
Schall und Laut: Bei euch gehört allerdings nicht nur die Piraterie zur Weltanschauung. Irgendwann landeten wir während unseres Gesprächs beim Fliegenden Spaghettimonster.
Tortuga: Natürlich. Man muss sich als Pirat schließlich weiterbilden.
Piraten sind nämlich quasi die Ur-Pastafaris. Als wir das herausgefunden hatten, war klar: Dann müssen wir dazu natürlich auch einen Song machen. Wir haben damals sogar tatsächlich die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters angeschrieben und gefragt, ob wir bestimmte Dinge verwenden dürfen. Die Erlaubnis haben wir bekommen. Das Thema gehört also inzwischen wirklich zur Bandgeschichte.
Schall und Laut: Früher gab es sogar eine entsprechende Zeremonie bei euren Shows?
Tortuga: Ja. Unser Captain lief mit einem Nudelsieb herum und hielt die heilige Messe der Nudeligkeit ab.
Schall und Laut: Und beim Crowdfunding-Piratenfest wird es noch besser.
Tortuga: Da wird tatsächlich der Vorsitzende der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters dabei sein. Dann feiern wir unsere erste richtige heilige Messe mit einem echten Pastafari.
Schall und Laut: Mit Lasagneblättern statt Oblaten?
Tortuga: Selbstverständlich!
Schall und Laut: Amen.
Tortuga: Ramen!
Schall und Laut: Kommen wir zurück zu etwas beinahe Seriösem: Wie entstehen bei Tortuga eigentlich neue Songs?

Tortuga: Wir haben ein großes Rumfass. Jeder kippt hinein, was er für richtig hält. Dann wird einmal umgerührt, ausgekippt und meistens kommt unten ein Song heraus.
Schall und Laut: Ich hatte fast befürchtet, dass jetzt eine normale Antwort kommt.
Tortuga: Im Grunde steckt aber tatsächlich etwas davon drin. Jeder bringt seine Ideen ein. Wenn jemandem etwas einfällt, wird es in die Runde geworfen. Dann gibt es natürlich jemanden, bei dem die Fäden zusammenlaufen und der die Sachen sortiert und strukturiert. Aber letztlich entstehen die Songs gemeinsam. Und das Schönste ist, wenn am Ende etwas dabei herauskommt, das wir selbst feiern – und andere Leute es dann tatsächlich auch hören wollen. Das ist schon ein ziemlich geiles Gefühl.
Schall und Laut: Was ist zuerst da – Musik oder Text?
Tortuga: Meistens die Musik. Aber es gab auch schon Songs, bei denen der Text zuerst da war. Da wir unser eigenes kleines Studio beziehungsweise unsere Piratenbude im Keller haben, können wir ziemlich unkompliziert gemeinsam arbeiten, wenn eine Idee entsteht.
Schall und Laut: Eigene Piratenbude im Keller? Das klingt verdächtig danach, dass dort nicht ausschließlich gearbeitet wird.
Tortuga: Rum gehört natürlich dazu. Aber – und das ist wichtig – es gibt feste Zeiten, zu denen Bier und Rum erlaubt sind, und feste Zeiten, zu denen nicht getrunken wird. Sonst kommt nämlich nur Gulasch dabei heraus.
Schall und Laut: Also braucht selbst ein Pirat Disziplin?
Tortuga: Auf jeden Fall. Piratenkodex!
Früher haben wir auch in Bands gespielt, bei denen die Probe daraus bestand, ein bisschen Musik zu machen, danach Zigaretten zu rauchen und einen Kasten Bier leerzutrinken. Komischerweise haben diese Bands nicht besonders lange existiert. Heute trennen wir das deshalb etwas besser.
Schall und Laut: Von außen sieht man bei einer Band meistens nur die Stunde auf der Bühne. Was steckt tatsächlich dahinter?
Tortuga: Eine Band ist verdammt viel Arbeit. Im Grunde ist das ein Zweitjob. Man steckt sehr viel Zeit und Energie hinein – aber eben auch Liebe und Spaß. Und gerade der Spaß ist uns wichtig. Wenn man irgendwann die Freude daran verliert, funktioniert es nicht mehr.
Deshalb versuchen wir, Aufgaben zu verteilen. Wenn jemand etwas besser kann, erklärt er es den anderen. Wir nehmen uns auch bewusst gemeinsam Auszeiten, unternehmen etwas miteinander oder trinken eben zusammen einen Rum. Das Menschliche darf nicht verloren gehen.
Dazu kommt unsere Crew, die immer hinter uns steht. Das macht wahnsinnig viel aus.
Schall und Laut: Apropos Crew: Beim Helmfest habt ihr kräftig Werbung für eure Crowdfunding-Aktion gemacht. Was genau habt ihr vor?
Tortuga: Wir wollen mit dem nächsten Album den nächsten Schritt machen und die Veröffentlichung größer aufziehen.
Dazu gehört unter anderem, dass das Album nicht nur digital und auf CD, sondern auch auf Vinyl erscheinen soll. Vinyl war für uns schon lange ein Wunsch, aber eine entsprechende Produktion kostet natürlich ordentlich Geld.
Deshalb haben wir entschieden, unsere Fans und unsere Community um Unterstützung zu bitten.
Schall und Laut: Und einfach nur Geld in eine virtuelle Schatztruhe werfen muss niemand?
Tortuga: Nein. Wir haben uns ziemlich viele Dankeschöns ausgedacht.
Da gibt es zum Beispiel das digitale Album, CDs, Shirts, signierte Sachen, persönliche Piratengrüße oder Geburtstagsgrüße als Video. Es gibt außerdem größere Piratenpakete mit Schatzkiste und allem möglichen Zeug. Einige Sachen waren tatsächlich sehr schnell ausverkauft. Besonders die Drumsticks aus der Album-Session waren sofort weg.
Schall und Laut: Und dann gibt es noch diese ominöse Piratenparty.
Tortuga: Genau. Am 12. Dezember machen wir im Rahmen des Crowdfundings ein ganz besonderes Wohnzimmerkonzert.
Wir verwandeln unsere privaten Räume praktisch in einen kleinen Konzertsaal, spielen dort bereits erste Stücke vom neuen Album, trinken mit den Leuten ein Bier und verbringen gemeinsam einen Abend. Und die heilige Messe mit dem Pastafari gibt es natürlich auch.
Schall und Laut: Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs fehlten euch nur noch rund 500 Euro bis zum Crowdfunding-Ziel. Das ging verdammt schnell.
Tortuga: Damit hätten wir selbst nicht unbedingt gerechnet.
Unsere Kern-Crew hatte schon einen Tag vor dem offiziellen Start einen Link mit Passwort bekommen. Das sind ungefähr zehn bis fünfzehn Leute, die uns schon lange begleiten. Und diese Leute haben direkt am ersten Tag ungefähr ein Viertel des Ziels zusammenbekommen. Aber was uns besonders freut: Es unterstützen uns inzwischen sehr viele Menschen, die wir persönlich überhaupt nicht kennen.
Gerade aus Richtung Norden und offenbar auch durch das Helmfest sind viele dazugekommen.
Das tut wirklich gut. Denn natürlich ist so ein Crowdfunding auch eine Art Resonanztest. Wenn niemand mitmachen würde, wäre das bitter. Wenn aber so viele Menschen sagen: „Wir wollen, dass ihr weitermacht, und wir unterstützen euch“, dann bedeutet das unglaublich viel.
Schall und Laut: Was passiert, wenn mehr Geld zusammenkommt als ursprünglich benötigt?
Tortuga: Dann kommt das Overfunding ins Spiel.
Unsere Crew konnte im WhatsApp-Kanal bereits darüber abstimmen. Wenn wir das entsprechende Ziel erreichen, werden zwei zusätzliche Songs produziert und kommen mit auf das neue Album. Die Leute haben also durchaus Einfluss darauf, was passiert.
Schall und Laut: Wer jetzt nach unserem Gespräch Lust auf die bisher veröffentlichten Sachen bekommen hat – wo findet man die?
Tortuga: Über unseren Shop auf tortuga-band.de.
Bei den physischen Alben sollte man sich allerdings etwas beeilen. Unser erstes Album ist bereits ausverkauft und von den anderen gibt es auch nicht mehr wahnsinnig viele Exemplare. Wer Sammler ist, sollte also nicht ewig überlegen. Digital gibt es unsere Musik natürlich ebenfalls, unter anderem über Bandcamp.
Schall und Laut: Typisch Piraten. Wer zu spät kommt, dessen Schatz ist weg.
Tortuga: Genau so sieht es aus.
Schall und Laut: Was steht für euch als Nächstes an?
Tortuga: Zunächst beenden wir unsere Festivalsaison mit dem Streets Open Air in der Lüneburger Heide.
Im November gibt es dann ein Heimspiel in Saarbrücken zusammen mit Freunden aus der Schweiz.
Am 12. Dezember folgt unsere Piratenparty als Crowdfunding-Special. Danach ist unser Konzertjahr 2026 im Wesentlichen abgeschlossen.
Für 2027 haben wir allerdings einiges vor.
Schall und Laut: Da war doch noch etwas mit einer eigenen Tour?
Tortuga: Genau. Wir planen unsere erste eigene Deutschlandtour. Sechs Termine sollen es werden. Drei davon stehen momentan bereits fest, für die anderen suchen wir noch passende Locations. Die Termine werden natürlich auf unserer Website bekannt gegeben.
Und wenn jemand uns durch dieses Interview zum ersten Mal entdeckt hat und nächstes Jahr bei einer Show auftaucht: Kommt danach ruhig zum Merchstand und sagt Hallo. Da findet man uns normalerweise nach dem Konzert.
Ein paar Worte zum Schluss
Zwei Stunden Radiointerview können verdammt schnell vorbeigehen. Besonders dann, wenn sich ein eigentlich geplantes Gespräch über Metal plötzlich in eine Diskussion über Klimawandel, Piraten, Bier-Vulkane, Lasagneblätter und die heilige Nudeligkeit verwandelt.
Aber genau das beschreibt Tortuga eigentlich ziemlich gut.
Hinter dem ganzen Piraten-Bums steckt eine Band, die durchaus weiß, was sie will. Musikalisch gibt es eben nicht nur Schunkel-Folk mit Augenklappe, sondern traditionellen Heavy Metal, 80er-Rock und hier und da eine Portion Folk. Dazu kommt eine Crew, für die das gemeinsame Ding offensichtlich mehr bedeutet als nur ein paar Auftritte im Jahr.
Beim Helmfest konnte ich mich bereits davon überzeugen, dass das Konzept live funktioniert. Vor der Bühne war jedenfalls richtig Betrieb.
Und wer weiß: Vielleicht haben die Freibeuter mit ihrer Theorie am Ende sogar recht.
Also Leute – tut etwas fürs Klima.
Werdet Piraten!
Pirates for Future!
Ramen.










