„Wir haben uns nie Druck gemacht“ – Interview mit Wandar
Schall und Laut: Beginnen wir mit den Grundlagen. Was ist Wandar und wie würdet ihr eure Musik selbst beschreiben?
Wandar: Wir würden unsere Musik als atmosphärischen Black Metal bezeichnen. Unsere Wurzeln liegen vor allem im Black Metal der frühen und mittleren 90er Jahre. Zu unseren Einflüssen gehören unter anderem Dissection, Hypocrisy, Emperor, der mittlere Mayhem und Gehenna.
Dabei geht es uns nicht darum, eine bestimmte Band zu kopieren. Wir nehmen verschiedene Elemente auf und entwickeln daraus unseren eigenen Stil. Wichtig ist uns vor allem die Atmosphäre. Unsere Musik darf roh und dunkel sein, soll aber gleichzeitig eine gewisse Tiefe und Emotionalität besitzen.
Schall und Laut: Wandar ist aber nicht nur eine Band, sondern offenbar auch eine Lebenseinstellung. Woher kommt der Name?
Wandar: Der Name ist eine Verbindung aus „Wandern“ und „Wald“.
Als die Band entstand, spielten wir noch in unterschiedlichen Bands. Gleichzeitig waren wir viel gemeinsam in der Natur unterwegs. Wir haben mehrere Tage im Wald verbracht, dort geschlafen und uns einfach aus dem normalen Alltag zurückgezogen.
Aus dieser Verbindung von Wandern und Wald entstand schließlich der Name Wandar.
Schall und Laut: Das klingt nach mehr als einem Hobby. Was bedeutet euch das Draußen sein?
Wandar: Es geht uns darum, aus dem Alltag herauszukommen und eine unmittelbare Verbindung zur Natur zu erleben. Wir waren beispielsweise im Harz, im Thüringer Wald oder im Erzgebirge unterwegs.
Dabei spielt auch eine gewisse Selbstständigkeit eine Rolle. Man ist draußen auf sich selbst gestellt und muss sich mit den Bedingungen auseinandersetzen. Wir haben solche Touren sogar im Winter gemacht, unter anderem bei Temperaturen von etwa minus zwölf Grad.
Das ist natürlich eine Herausforderung, aber genau das macht einen Teil des Reizes aus.
Schall und Laut: Was braucht man eigentlich für eine solche Tour?
Wandar: Vor allem möglichst wenig. Früher hatten wir teilweise 15 Kilo Gepäck dabei. Mittlerweile versuchen wir, auf ungefähr zehn Kilo zu kommen.
Schlafsack und Isomatte gehören natürlich dazu. Je nach Wetter kommt noch ein Tarp mit. Beim Essen muss man sich vorher absprechen, ob jeder selbst etwas mitnimmt oder gemeinsam gekocht wird.
Viel wichtiger als die Ausrüstung ist aber die Erfahrung. Mit der Zeit lernt man vor allem, was man nicht mehr braucht.
Schall und Laut: Gibt es eine Verbindung zwischen diesen Naturerfahrungen und eurer Musik?
Wandar: Auf jeden Fall. Dieses Unterwegssein, die Natur und die damit verbundenen Erfahrungen gehören zu unserer Identität. Das Wandern ist nicht einfach ein Name, den wir uns ausgesucht haben. Es ist etwas, das wir tatsächlich leben.
Diese Atmosphäre findet sich natürlich auch in unserer Musik und in unseren Texten wieder.
Schall und Laut: Schauen wir auf eure Bandgeschichte. Wann wurde Wandar gegründet?
Wandar: Die ersten Ansätze gab es bereits 2003 beziehungsweise 2004. 2005 haben wir uns dann zu Wandar formiert.
2005 erschien das Kältedemo, 2007 folgte die erste EP „Vergessenes Wandern“. Danach haben wir zunehmend live gespielt, es gab Besetzungswechsel und verschiedene Entwicklungen innerhalb der Band.
Die heutige Besetzung besteht inzwischen seit einigen Jahren und musikalisch haben wir dadurch eine gewisse gemeinsame Sprache gefunden.
Schall und Laut: Zwischen euren Veröffentlichungen liegen teilweise mehrere Jahre. Ist das Absicht?
Wandar: Wir haben uns bei unseren Veröffentlichungen nie unter Druck gesetzt. Es gab nie die Vorgabe, dass nach einer bestimmten Zeit zwingend ein neues Album erscheinen muss.
Wenn wir der Meinung waren, dass wir etwas veröffentlichen können, haben wir es gemacht. Wenn wir aber nicht zu hundert Prozent dahinterstanden, haben wir gewartet.
Für uns ist es wichtiger, ein Album zu veröffentlichen, von dem wir wirklich überzeugt sind, als einfach irgendeinen Veröffentlichungszyklus einzuhalten.
Schall und Laut: Ein besonderes Kapitel ist „Landlose Ufer“. Warum wurde das Album noch einmal neu aufgenommen?
Wandar: „Landlose Ufer“ war ursprünglich nie auf Vinyl erschienen. Während der Corona-Zeit hatten wir die Möglichkeit, das Album noch einmal aufzunehmen.
Wir haben die Songs neu eingespielt, teilweise neu arrangiert und mit verschiedenen Sounds experimentiert. Dadurch entstand für uns ein echter Mehrwert.
Es handelt sich also nicht einfach um eine Neuauflage. Die Stücke wurden tatsächlich neu aufgenommen und teilweise verändert.
Schall und Laut: Wie wichtig ist euch dabei das Medium Vinyl?
Wandar: Vinyl passt unserer Meinung nach sehr gut zu atmosphärischem Black Metal. Es hat einen organischeren Charakter und vermittelt ein anderes Gefühl als beispielsweise eine CD.
Dazu kommt die gesamte Präsentation. Ein gutes Cover, ein Einleger und die Möglichkeit, sich mit den Details des Artworks zu beschäftigen, gehören für uns ebenfalls zum Erlebnis einer Platte.

Schall und Laut: Euer aktuelles Album heißt „Tiefe Erde“. Was unterscheidet es von euren früheren Veröffentlichungen?
Wandar: „Tiefe Erde“ ist eine Weiterentwicklung dessen, was wir bisher gemacht haben. Wenn man unsere Veröffentlichungen hintereinander hört, erkennt man diese Entwicklung.
Bei „Tiefe Erde“ haben wir versucht, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen und verschiedene Elemente miteinander zu verbinden. Klassische Metal- und Black-Metal-Strukturen sollten dabei miteinander verbunden werden, ohne dass die dunkle Atmosphäre verloren geht.
Wir wollten keinen Stilbruch erzeugen, sondern unterschiedliche Einflüsse so miteinander verbinden, dass die Grundstimmung des Albums erhalten bleibt.
Schall und Laut: Dabei habt ihr offenbar auch Einflüsse außerhalb des klassischen Black Metal zugelassen.
Wandar: Ja. Wir hören selbst sehr unterschiedliche Musik und lassen solche Einflüsse auch in unsere Arbeit einfließen.
Ein Beispiel ist Lorn. Uns fasziniert dort, wie elektronische Musik trotz ihrer technischen Entstehungsweise eine enorme Emotionalität und Dunkelheit entwickeln kann. Diese Verbindung hat uns bei „Tiefe Erde“ interessiert.
Schall und Laut: Ein auffälliges Merkmal von Wandar sind die deutschen Texte. Warum habt ihr euch bewusst gegen Englisch entschieden?
Kallenheim(Voc): Weil Deutsch unsere Muttersprache ist. Wir sind mit dieser Sprache aufgewachsen und verbinden damit unsere eigenen Erfahrungen und Gedanken.
Warum sollte man das, was man ausdrücken möchte, zunächst auf Deutsch denken und anschließend in eine andere Sprache übertragen?
Außerdem bietet die deutsche Sprache enorme Möglichkeiten. Man kann mit ihr spielen und Dinge bewusst mehrdeutig formulieren. Ein Text muss nicht jedem sofort eine eindeutige Antwort geben. Jeder kann seine eigene Interpretation entwickeln.
Schall und Laut: Welche Rolle spielt dabei die deutsche Literatur?
Kallenheim(Voc): Eine große. Wir haben eine lange Tradition von Dichtern und Schriftstellern, die gezeigt haben, wie vielfältig und ausdrucksstark die deutsche Sprache sein kann. Goethe, Eichendorff, Hölderlin, Hesse oder Brecht sind nur einige Beispiele.
Für mich persönlich war Goethes „Faust“ ein entscheidender Punkt. Dieses Werk hat mir noch einmal gezeigt, welche Möglichkeiten unsere Sprache bietet.
Schall und Laut: Wie arbeitet Wandar heute? Früher waren regelmäßige Bandproben vermutlich selbstverständlich.
Wandar: Das hat sich verändert. Früher haben wir teilweise zweimal pro Woche geprobt. Heute treffen wir uns hauptsächlich vor Auftritten und proben dann ein- bis dreimal.
Vieles wird inzwischen zu Hause vorbereitet. Das liegt auch daran, dass wir nicht mehr alle am selben Ort wohnen.
Die gemeinsame Zeit muss dadurch effizienter genutzt werden. Trotzdem funktioniert die Zusammenarbeit.
Schall und Laut: Was dürfen wir von Wandar in Zukunft erwarten?
Wandar: Wir wollen natürlich weiter Musik machen und schauen, wohin sich die Entwicklung führt. Dabei wollen wir uns weiterhin keinen künstlichen Zeitplan auferlegen.
Wenn neues Material entsteht und wir der Meinung sind, dass es bereit ist, wird es veröffentlicht. Entscheidend ist für uns, dass wir hundertprozentig dahinterstehen.
Auch live wollen wir natürlich weiter aktiv sein.
Schall und Laut: Dann bleibt uns nur noch ein Schlusswort.
Wandar: Wir bedanken uns für das Gespräch und freuen uns, wenn die Musik bei den Leuten ankommt.
Schall und Laut: Vielen Dank an Wandar für das Gespräch. Eine Band, bei der Black Metal, Naturverbundenheit und die Liebe zur deutschen Sprache offensichtlich mehr sind als einzelne Bestandteile – sie gehören zusammen.










