„Wir wollten die Band sein, die wir selbst vor der Bühne abfeiern würden“
Nuktemeron stehen für dreckigen, schnellen und kompromisslosen Old-School-Metal. Leder, Nieten, Patronengurte, Blut und eine ordentliche Portion 80er-Jahre-Irrsinn gehören dabei genauso zum Gesamtpaket wie Speed Metal, früher Black Metal und Thrash. Im Gespräch geht es um die Entstehung der Band, musikalische Vorbilder, handgemachte Bühnenklamotten, Underground-Konzerte, echte Blutspuren und die Zukunft der Band.

Fangen wir ganz vorne an: Was bedeutet Nuktemeron eigentlich?
Der Bandname hat eine etwas längere Geschichte. Als wir angefangen haben, wollten wir einfach einen Bandnamen haben, der irgendwie zu uns passt. Wir sind alle große Sodom-Fans und verehren Obsessed by Cruelty von 1986. Darauf gibt es den Song „Nuktemeron“. Wir haben gesagt: Das klingt geil, das passt zu uns. Erst später haben wir überhaupt mitbekommen, was der Begriff ursprünglich bedeutet. Nuktemeron kommt aus der Mythologie und bezeichnet sinngemäß Tag und Nacht beziehungsweise einen 24-Stunden-Zyklus. Später wurde der Begriff in okkulten Schriften auch mit mystischen und spirituellen Dingen verbunden. Das hat natürlich noch besser zu uns gepasst. Dieser Kreislauf aus Licht und Dunkelheit, wobei uns eher die dunkle Seite interessiert. Damit war der Name eigentlich perfekt.
Wenn man euch auf der Bühne sieht, merkt man sofort: Ihr lebt die 80er-Jahre-Klischees ziemlich konsequent.
Ja, natürlich. Auf unserer Beastfark-Mini-LP haben wir sogar einen Song namens „Dangerous Metal Cult“. Ich finde einfach, dass Metal auch Klischees bedienen darf. Das ist meine persönliche Meinung. Bei uns gehören Leder, Ketten, Patronengurte, Nieten und all das Zeug einfach dazu. Möglichst so, wie es in den 80ern aussah. Wir versuchen ein bisschen, diese Zeit am Leben zu erhalten. Und das ist für uns auch nicht nur ein Image. Das ist inzwischen eine Lebenseinstellung. Musik und Optik müssen zusammenpassen und eine Symbiose eingehen. Wir wollten immer die Band sein, die wir selbst vor der Bühne abfeiern würden, wenn wir Fans wären. Wenn die Leute Eintritt bezahlen, sollen sie dafür auch eine richtige Vollbedienung bekommen.
Das merkt man auch live. Bei euch passiert auf der Bühne tatsächlich etwas.

Das finde ich wichtig. Die Leute sollen geile Musik bekommen und gleichzeitig sehen, dass auf der Bühne etwas abgeht. Wenn auf der Bühne Energie vorhanden ist, überträgt sich das auch auf das Publikum. Warum soll man als Zuschauer zwei Stunden vor einer Bühne stehen, wenn dort einfach nur drei oder vier Leute herumstehen und ins Mikrofon singen? Das ist natürlich jedem selbst überlassen, aber für uns gehört die Show einfach dazu.
Musikalisch bewegt ihr euch irgendwo zwischen Speed Metal, Thrash und frühem Black Metal. Wo liegen eure Wurzeln?
Für mich ist dieser frühe Black Speed Metal so etwas wie die Speerspitze der 80er. Da kamen dann Bands wie Slayer, Hellhammer, Bathory und Venom. Auch die ersten beiden Running-Wild-Alben gehören für mich zumindest lyrisch in diese Ecke. Damals waren die Grenzen sowieso noch sehr fließend. Speed Metal, Thrash und das, was später Black Metal wurde, waren noch nicht so klar voneinander getrennt. Auch die ersten Destruction-Sachen oder Infernal Overkill haben für mich noch diesen rohen Speed-Metal-Charakter.
Und beim aktuellen Material habt ihr diese frühen Einflüsse wieder stärker hervorgeholt?
Ja. Auf unseren ersten Sachen waren teilweise auch noch Einflüsse aus den 90ern vorhanden, etwas Second-Wave-Black-Metal und solche Dinge. Mayhem und ähnliche Bands hört man vielleicht hier und da noch in einem Riff. Beim neuen Album wollten wir aber wieder stärker zu unseren ursprünglichen Einflüssen zurück. Wir lieben diese Musik einfach. Jeder von uns ist Vinyl-Sammler und hat ein entsprechendes Plattenregal zu Hause. Das bringt natürlich automatisch Einfluss mit sich.
Wenn wir schon bei euren Plattenschränken sind: Was läuft bei euch privat?
Slayer darf natürlich nicht fehlen. „Black Magic“ ist einfach ein Klassiker. Bei Slayer geht es für mich persönlich bis Seasons in the Abyss. Danach habe ich irgendwie den Anschluss verloren. Andere in der Band sehen das anders und hören vielleicht nur bis Reign in Blood.
Aber die Klassiker gehen immer. Auch Halloween gehört für mich dazu. Gerade die Zeit mit Kai Hansen finde ich großartig. Schneller Gesang, nicht immer ganz sauber – genau das gefällt mir.
Ihr legt auch großen Wert darauf, dass das Ganze handgemacht aussieht. Sind eure Klamotten tatsächlich selbst gebaut?

Ja, das ganze Zeug, das wir heute tragen, ist selbst gemacht. Alles Handarbeit. Wir wollten eben nichts von der Stange und schon gar nicht irgendein Nietenarmband aus dem EMP-Katalog.
Das war früher schon so und ist heute noch so.
Ich komme ja aus dem Osten und da musste man sich vieles selbst organisieren. Ich hatte früher beispielsweise immer Nieten in den Hosentaschen. Ein Kumpel hat während seiner Ausbildung im Maschinenbau sogar Pyramiden-Nieten selbst gedreht. Das waren wilde Zeiten.
Und wahrscheinlich haben diese Zeiten euch geprägt.
Auf jeden Fall. Ich glaube, sonst wären wir nicht die Band, die wir heute sind.
Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Ich war schon immer viel auf Konzerten unterwegs, vor allem auf kleinen Underground-Konzerten. Damals habe ich kurz vor Dresden gewohnt und bin viel nach Thüringen gefahren.
Dabei habe ich unseren Schlagzeuger Chris, also Christ Hunter, kennengelernt. Er hatte damals noch keinen Führerschein und hat gefragt, ob ich ihn mitnehmen kann. Bei einer Fahrt lief bei mir Sodom – Obsessed by Cruelty. Irgendwann meinte er: „Man müsste mal eine Band machen.“ Er spielte damals bei JT Ripper, einer geilen Thrash-Band aus Chemnitz. Ich habe zunächst gesagt: „Es gibt doch schon so viele Bands, was soll ich denn jetzt noch machen?“ Aber die Idee hat mir gefallen.
Dann haben wir uns zusammengetan. Ich habe Bass gespielt und gesungen, obwohl ich eigentlich gar kein besonders guter Bassist war. Später kamen weitere Leute dazu und irgendwann war der Grundstein gelegt.
Ursprünglich wart ihr also als Dreierbesetzung geplant?

Ja. Wir fanden das bei Sodom, Destruction und dem frühen Kreator geil. Drei Leute auf der Bühne – fertig.
Irgendwann bin ich aber am Bass an meine Grenzen gekommen. Dann ist unser Gitarrist ausgestiegen und Chris und ich standen wieder zu zweit da. Zu dieser Zeit habe ich meine Freundin kennengelernt, die früher schon Bass in einer Black-Metal-Band gespielt hatte. Sie konnte richtig gut Bass spielen – besser als ich.
Da war die Entscheidung eigentlich logisch. Sie hat den Bass übernommen und ich konnte mich komplett auf den Gesang konzentrieren. Und es hat sich gelohnt. Auf der Bühne ist seitdem noch mehr Bewegung und Energie.
Frauen im Metal sind ja immer wieder ein Thema. Wie seht ihr das?
Für mich spielt es überhaupt keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau auf der Bühne steht. Die Person muss zur Band passen und ihren Job gut machen.
Und unsere Bassistin macht ihren Job verdammt gut. Sie steht mit genau der gleichen Intensität und Leidenschaft auf der Bühne wie wir drei anderen. Sie kann genauso saufen und pöbeln wie wir und hat teilweise mehr Eier als mancher Kerl. Am Ende zählt nur, ob jemand Bock auf die Musik hat und sie entsprechend rüberbringt.
Ihr seid große Freunde des Undergrounds. Was fasziniert euch daran?

Bei kleinen Underground-Konzerten sieht man den Metal noch etwas ungeschönter und ursprünglicher.
Wenn ich zu einem Konzert von Iron Maiden oder Metallica gehe, weiß ich ungefähr, was mich erwartet. Bei kleinen Konzerten weiß man das eben nicht. Man entdeckt ständig neue Bands. Und genau das macht für mich den Reiz aus. Der Underground war sowieso nie tot. Schon Ende der 90er wurde ständig behauptet, Metal sei tot. Aber er war nie weg.
Es muss ja auch irgendwann eine Zeit nach Maiden geben. Irgendjemand muss diese Fahne weitertragen.
Welche Bands würdest du Leuten empfehlen, die genau auf diesen 80er-Spirit stehen?
Disaster ist für mich eine großartige Band, die seit den 90ern konsequent ihr Ding macht. Dann gibt es Nocturnal, Witching Hour, Diabolic Night, Cruel Force und Hellish Crossfire. Bei den jüngeren Bands gibt es ebenfalls einiges. Lead Injector aus Dresden finde ich beispielsweise sehr geil. Auch Necromancer aus Rostock sollte man sich anhören. Und Task Force Toxicator aus Münster. Die haben wir vor einiger Zeit live gesehen und anschließend sogar eingeladen. Eine richtig starke Live-Band. Da gibt es wirklich unheimlich viel Nachwuchs.
Das heißt, du bist trotz deiner Liebe zu den alten Bands optimistisch, was den Nachwuchs betrifft?
Absolut. Es gibt genügend junge Leute und genügend Bands, die den Geist der 80er in die heutige Zeit transportieren. Gute Musik muss man nicht neu erfinden. Man kann sie weitertragen. Und genau das machen wir schließlich auch.
Ihr setzt auch technisch auf Old School. Wie sieht das bei euch aus?

Bei uns ist so ziemlich alles analog, soweit es geht.
Röhrenverstärker, Boxen und ein ganz normales Schlagzeug. Das Schlagzeug ist nicht getriggert, weil ich diesen Trigger-Sound überhaupt nicht mag. Das einzige modernere Gerät, das ich auf der Bühne benutze, ist ein Fußschalter, mit dem ich unser Intro und ein paar Soundeffekte starte. Ansonsten ist bei uns Heavy Metal noch im wahrsten Sinne des Wortes schwer. Das Zeug muss schließlich auch jemand auf die Bühne schleppen.
Das passt natürlich zum gesamten Konzept.
Genau. Nuktemeron steht für eine gewisse Old-School-Attitüde. Da würde digitales Zeug irgendwie nicht zu uns passen. Außerdem ist analoge Technik zuverlässig. Bei digitalen Geräten kann im schlimmsten Fall irgendeine Programmierung weg sein und dann hast du ein Problem. Natürlich kann auch ein Röhrenverstärker kaputtgehen, aber wir versuchen, das Ganze möglichst einfach zu halten.
Auf der Bühne kommt bei euch sogar echtes Blut zum Einsatz.
Natürlich. Das ist echtes Blut. Darauf lege ich schon Wert. Wir haben einen befreundeten Metzger in der Umgebung und bekommen das frisch. Wir transportieren es mit Kühlakkus und achten darauf, dass die Kühlkette möglichst nicht unterbrochen wird.
Für mich gehört das einfach zur Show. Wenn wir schon diese ganze Optik auffahren, dann soll es auch möglichst realistisch wirken.
Und wie reagiert das Publikum beziehungsweise der Veranstalter darauf?

Wir hatten schon Situationen, in denen der Bühnenboden mit einer Plane abgedeckt wurde, weil man natürlich nicht unbedingt die komplette Bühne mit Blut versauen möchte. Kann ich nachvollziehen. Auf einer Plane läuft es sich allerdings etwas beschissen. Aber wir passen uns da schon an. Die Leute sollen schließlich auch optisch etwas geboten bekommen.
Kommen wir zur Gegenwart. Wie geht es bei Nuktemeron weiter?
Bei uns geht es eigentlich immer weiter. Langweilig wird es nicht.
Wir haben uns mittlerweile von unserem Gitarristen Exterminator getrennt. Es gab kein böses Blut, jeder geht seinen Weg. Mit Doomhammer, der früher bei Old War gespielt hat, haben wir aber einen neuen Gitarristen gefunden. Er hat bereits in Wolfsburg mit uns gespielt und macht seine Sache wirklich hervorragend.
Momentan proben wir wieder wöchentlich. Wir arbeiten am Live-Set und schreiben natürlich neue Songs. Unser Ziel ist, die Energie des aktuellen Albums mitzunehmen und nicht wieder zehn Jahre bis zum nächsten Album zu warten. Wir haben schon einige geile Ideen und wollen musikalisch genau in diesem Stil weitermachen.
Wie sieht es live aus?
Wir sind keine Band, die unbedingt ständig auf Tour sein muss. Wir spielen lieber fünf oder sechs richtig gute Konzerte im Jahr als jedes Wochenende irgendwo an der nächsten Steckdose.
Die Leute sollen eine geile Show und eine intensive Energie bekommen. Wenn man ständig irgendwo spielt, nutzt sich das irgendwann ab.
Außerdem arbeiten wir alle noch ganz normal. Das muss also auch mit unseren Arbeitszeiten funktionieren.
Es gibt aber bereits Anfragen aus Schweden und Dänemark. Wenn alles passt, wollen wir natürlich auch mal etwas weiter herumkommen.
Norddeutschland habt ihr bisher eher ausgelassen.

Leider ja. Norddeutschland war bisher nicht wirklich unser Einzugsgebiet. Aber wir sind für alles offen. Wenn dort etwas kommt, gerne.
Dann müssen wir euch wohl mal nach Norden holen.
Sehr gerne.
Euer aktuelles Album ist ebenfalls ein Thema. Was kannst du uns über die Texte erzählen?
Unsere Texte sind natürlich voller Klischees. Aber das soll auch so sein und wir stehen dahinter.„Raid from the Grave“ ist beispielsweise eine Hommage an alte Horrorfilme. Wir vier stehen auf diese alten Filme und haben entsprechend viele Videokassetten davon gesehen. Der Text soll ein bisschen mit dem Zombie-Thema spielen und natürlich auch ein kleines Augenzwinkern enthalten.
Und „Brandish the Hammer of Hell“?
Der Titel klingt erst einmal nach Hölle, Feuer und allem, was dazugehört. Tatsächlich geht es aber um Atomenergie. Die Atomkraft hat unser Leben geprägt und gleichzeitig gezeigt, welche zerstörerische Gewalt der Mensch entfesseln kann. Tschernobyl, Hiroshima und die Atombombentests zeigen, was passieren kann, wenn der Mensch mit einer solchen Energie umgeht. Ich bin jetzt kein klassischer Atomkraftgegner. Aber diese Gewalt ist für mich durchaus so etwas wie das Feuer der Hölle.
Ein ziemlich passender Abschluss für ein Album, das ansonsten tief im 80er-Jahre-Metal verwurzelt ist.
Ja. Wir wollen schon, dass unsere Texte und Titel ein bisschen provozieren und zum Nachdenken oder zumindest zum Hinschauen bringen.
Dann bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von Nuktemeron?
Wir wollen einfach weiter geile Musik machen, gute Konzerte spielen und den Spirit, für den wir stehen, erhalten. Wir wollen nicht jede Woche irgendwo spielen. Lieber etwas seltener, dafür mit voller Energie. Und natürlich soll das nächste Album nicht wieder zehn Jahre dauern.
Dann hoffen wir, dass ihr bald auch den Weg in den Norden findet.
Das hoffen wir auch. Wenn wir Termine haben, schicken wir sie euch auf jeden Fall.
Dann bleibt nur noch zu sagen: Danke für das Gespräch und viel Erfolg mit Nuktemeron!
Danke euch. Das Interview hat richtig Spaß gemacht. Und vielleicht sieht man sich ja bald wieder irgendwo vor einer Bühne.
Interview mit Lunatic Aggressor führte Sven Richter










