„Let’s get rude“ denke ich mir, als ich die Fahrertür vom Bulli schließe, mich anschnalle und dem Zündschlüssel eine Drehung gönne. Ein flacher Wortwitz, der mich dennoch grinsen lässt. Der Bulli ist gepackt, das Wetter passt, die anstehende Fahrt nicht zu lang. Kurs Ost, Distanz 150 km über Grund. Über die A2 geht’s gen Magdeburg, von dort aus weiter über Land nach Norden. Eine kleine Schleife über Mahlwinkel und schon ist man am Ziel. Gleich müsste der Anreisestau beginnen, denke ich mir auf den kurvigen letzten Kilometern der Strecke. Eine Fehlannahme, wie sich am Ortseingang von Bertingen herausstellt. Dort empfängt den anreisenden Festivalgänger kein Stau, kein zähfließender Verkehr oder sonstige festivaltypische Ungemach. Zwei freundliche Personen in Warnwesten winken mich ran. „Du willst bestimmt zum Festival“ werde ich begrüßt. Mein Bulli, die Musik aus den Boxen, die Frisur und das Bandshirt haben mich offensichtlich verraten. Ich drehe die Musik leiser und bejahe die Frage, Leugnen hat hier und jetzt eh keinen Sinn mehr. Mir wird kurz erklärt ich solle der Hauptstraße folgen, der Campground ist direkt hinter dem Ortsausgang, dort steht ein Pavillon und die Leute mit der Warnweste würden mich empfangen. Ich bedanke mich und folge mit offenem Seitenfenster der Hauptstraße. Bertingen ist klein, liegt an der Elbe und ist nicht weit von Magdeburg entfernt. Nach sehr kurzer Zeit bin ich am anderen Ende des Ortes. Von dort sehe ich schon den Pavillon, der linksseitig an einer Feldeinfahrt steht. Der Campground ist ein gemähter Acker, der sich sanft eine Hügelflanke hochzieht. Etwa alle hundert Meter stehen Dixiklos, und der Platz füllt sich langsam. In mehreren sorgsam abgesteckten Reihen bauen die Anreisenden Ihre Camps auf. Ich könne mich ans Ende einer Reihe stellen und mir einen Platz aussuchen. Ich entscheide mich für eine der mittleren Reihen mit etwas Abstand zu den Nachbarn und nicht zu dicht an den Dixiklos.

Die Stewards sind jung, entspannt und wirken routiniert. Vereinzelt werden die Reihen mit Quads abgefahren. Im Grunde sortiert sich das Publikum aber von alleine auf dem Campground, ist mein Eindruck. Nachdem ich mein Minicamp aufgebaut habe, gönne ich mir erstmal eine Pilsette. Mit dieser frage ich die Stewards nach dem Weg zum Festivalgelände. Dieses liegt nicht weit entfernt, kurz zurück in den Ort, links in die Straße Unter den Eichen einbiegen und dann nach rechts zum Bauzaun gehen. Gesagt getan. Nach kurzem Fußweg stehe ich am Einlass. Dieser ist noch für das Publikum geschlossen, jedoch kann ich mit meiner Akkreditierung bereits einchecken. Der Merchstand zieht sich als langer Pavillon vom Eingang auf das Gelände. Die dort aufgebauten Stände werden gerade bestückt. Ein kleines Highlight folgt: ich darf bereits einmal das Gelände erkunden. Alles wirkt familiär, man wird direkt geduzt. Es gibt ein Toilettenhäuschen, davor eine kleine Batterie Dixiklos, für die Herren um die Ecke ein paar Freilufturinale. Auf dem Gelände gibt es mehrere Getränkestände, einen Eisstand und ein großes Cateringzelt. Dort werden u.a. Kaffee, Kuchen, frisch Gegrilltes und Pommes angeboten. Witterungsgeschützte Sitzplätze gibt es dort auch. Eine Besonderheit hier ist, dass an den Ständen nicht mit Bargeld, sondern mit Wertmarken bezahlt wird. Diese können an einem Kassenhäuschen erworben werden. Vor der Bühne ist eine Freifläche, hinter welcher sich ein kleiner Hügel erhebt. Auf dem Hügel ist eine kleiner Biergarten aufgebaut. Umrahmt und bewachsen ist das Gelände von alten Eichen. Das Festival heißt nicht umsonst Rock Unter Den Eichen. Bis zur Eröffnung gehe ich zurück zum Camp und ruhe mich noch etwas aus.

Zur Eröffnung kehre ich zum Gelände zurück. Es füllt sich bereits und ich hole mir rasch zwei Streifen Wertmarken. Die Getränkepreise sind fair, ebenso die Preise für Speisen und Snacks. Lange anstehen musste ich übrigens selten an einem Stand. Kurz nach dem Einlass startet die erste Band. Ab hier verläuft alles wie erwartet. Die Changeover sind routiniert und organisiert, sie verlaufen aus meiner Warte glatt. Der Ton ist gut, dass Licht passt. Auch mit inzwischen gut angewachsenem Publikum kommt jeder gut durch und es gibt wenig Gedränge. Im Lauf des Tages füllt sich das Gelände, mit jedem Auftritt wird das Publikum größer. Die Bands haben Bock und geben Gas. Headliner am ersten Abend sind Rotting Christ. Am zweiten Abend sind Soulfly die Headliner. Doch die Bandauswahl dreht sich nicht nur um die Headliner. Von regionalen bis internationalen Bands lässt sich der Bandmix sehen. Viele Musiker mischen sich in das moshende Publikum. Auch das sieht man nicht auf jedem Festival. Dies unterstreicht die familiäre Stimmung beim R.U.D.E.

Den Samstagmorgen verbringe ich im Bulli und sortiere beim brunchen meine Fotos vom Vortag. Langsam erwacht der Campground und es wird lebendig um mich herum. Kurz vor der Öffnung des Geländes mache ich mich auf den Weg zum Eingang. Das Programm des zweiten Tages folgt dem des ersten, nur mit besserem Wetter. Das Finale spielen Soulfly. Schön laut. Das muss so. Das Publikum lässt sich zum Finale von der Energie des Soulfly Tribe anheizen.

Der musikalische Schwerpunkt des R.U.D.E. liegt deutlich im Death- und Blackbereich. Etwas Thrash ist im Mix enthalten. Für mich sehr angenehm, fühle mich in den Genres zuhause. Die Campingsituation ist angenehm. Da das Festival zwei Tage dauert, ist das Fehlen von Duschen nebensächlich. Katzenwäsche geht immer, der festivalerprobte Camper ist vorbereitet.

Am Sonntagmorgen werde ich wach und bin in wenigen Minuten startklar. Mit der Sonne im Rücken trete ich glücklich die Heimfahrt an. Kurs West, 150 km über Grund. Schade, dass es vorbei ist. Schön, dass ich dabei war!

Dieses Jahr findet das RUDE am 17. und 18 Juli statt. Tickets bekommt ihr hier.

Schall und Laut bedankt sich herzlich bei der Orga des R.U.D.E. Open Air für die Einladung, die Akkreditierung und den freundlichen Empfang.
Text und Fotos: JJ









