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Bolt Thrower: Der Panzer rollt weiter – zu Besuch bei Spearhead

Eine Band löst sich auf – und lebt trotzdem weiter. Für die britische Death Metal Institution Bolt Thrower ist dieses Paradox seit Jahren Realität. 2016 verkündete die Band aus Coventry offiziell ihre Auflösung. Seitdem gibt es keine neuen Platten, keine regulären Konzerte und keinen Versuch, das Vermächtnis künstlich fortzuschreiben. Und doch ist die Musik lebendiger denn je.

Ein Grund dafür heißt Spearhead. Die Hannoveraner Tribute-Band hat es sich seit 2017 zur Aufgabe gemacht, die Songs von Bolt Thrower wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehören: auf die Bühne.

Im Rahmen der Radiosendung Schall und Laut waren Sänger Johannes, Gitarrist Niklas und Bassist Marc zu Gast und sprachen über ihre Begeisterung für eine Band, die Death Metal, Hardcore, Crust und Punk Attitüde auf unverwechselbare Weise miteinander verbunden hat.

„Bolt Thrower war für uns alle prägend“

Die Idee hinter Spearhead war denkbar einfach. Nach der Auflösung von Bolt Thrower wollten die Musiker deren Songs weiterhin live erleben und selbst dafür sorgen, dass genau das möglich bleibt.

„Bolt Thrower war natürlich sehr, sehr prägend für uns alle in unserer musikalischen Reise“, erzählt Johannes. Gerade die Livequalität der Briten sei ein entscheidender Faktor gewesen. Denn so großartig eine Platte auch klingen mag: Bolt Thrower musste man laut, körperlich und unmittelbar erleben.

Genau dieses Gefühl versucht Spearhead auf die Bühne zu bringen. Nicht als perfekte Kopie, sondern als Hommage mit viel Herzblut.

Für Johannes reicht die Faszination weit zurück. Seit seinem 14. Lebensjahr ist er Bolt Thrower Fan. Besonders beeindruckt ihn neben der Musik die Haltung der Band: die Nähe zu den Fans, die Do it yourself Mentalität und die konsequente Weigerung, sich unnötig über den kommerziellen Erfolg zu definieren.

Oder, wie es im Gespräch auf den Punkt gebracht wird: „It takes a true Punk to do proper Death Metal.“

Vom Crust zum Death Metal

Wer sich heute durch die Diskografie von Bolt Thrower hört, entdeckt eine bemerkenswerte Entwicklung. Die frühen Aufnahmen sind rau, direkt und deutlich stärker von Hardcore, Crust und Grindcore geprägt.

Das Debüt In Battle There Is No Law von 1988 steht exemplarisch dafür. Songs wie „Psychological Warfare“ oder „Nuclear Annihilation“ klingen ungeschliffen und ungestüm. Die Musik scheint permanent nach vorne zu drängen – und bleibt trotzdem bereits unverkennbar Bolt Thrower.

Mit Realm of Chaos – Slaves to Darkness von 1989 kristallisierte sich der spätere Sound zunehmend heraus. „World Eater“ gehört bis heute zu den absoluten Klassikern und ist auch aus dem Liveprogramm von Spearhead kaum wegzudenken.

Dabei war der berühmte Bolt Thrower Sound keineswegs von Anfang an fertig entwickelt. Die Band wurde im Laufe der Jahre präziser, schwerer und musikalisch kontrollierter. Die frühen Aufnahmen wirken teilweise fast bewusst rumpelig: Tempi verändern sich innerhalb eines Songs, die Musik atmet und schwankt.

Was aus heutiger Sicht wie ein Makel wirken könnte, war gleichzeitig Teil ihres Charmes.

Der Panzer wird langsamer – und dadurch noch schwerer

Mit War Master und spätestens The IVth Crusade entwickelte Bolt Thrower den eigenen Stil konsequent weiter. Die Grindcore Anteile traten etwas zurück, während Death Metal und eine enorme Schwere immer stärker in den Vordergrund rückten.

Eine entscheidende Veränderung bestand darin, Geschwindigkeit nicht mehr zwangsläufig mit Brutalität gleichzusetzen.

Statt permanent zu rasen, nahm Bolt Thrower das Tempo an entscheidenden Stellen heraus. Die Songs wurden dadurch nicht weniger aggressiv – im Gegenteil. Sie bekamen etwas Unaufhaltsames.

Der im Gespräch verwendete Vergleich mit einem rollenden Panzer trifft es ziemlich genau: Erst rast die Maschine los, dann wird sie langsamer, aber dadurch wirkt sie nur noch mächtiger.

Auch die für Bolt Thrower typischen Gitarrenriffs und Melodien entwickelten sich in dieser Phase zu einem Markenzeichen. Oft sind die musikalischen Mittel erstaunlich simpel. Doch gerade diese Reduktion erzeugt den hohen Wiedererkennungswert.

The IVth Crusade: Krieg als historisches und menschliches Thema

Das vierte Album, The IVth Crusade, beschäftigt sich nicht zufällig mit einem historischen Kriegsgeschehen. Das Cover zeigt Eugène Delacroix‘ Gemälde „Der Einzug der Kreuzfahrer in Konstantinopel“.

Krieg ist eines der zentralen Themen in Bolt Throwers gesamtem Schaffen. Dabei ging es der Band jedoch nie darum, Krieg zu glorifizieren. Im Gegenteil: Hinter den martialischen Bildern stehen immer wieder Fragen nach Leid, Verlust, Manipulation und der Sinnlosigkeit bewaffneter Konflikte.

Sänger und Texter Karl Willetts beschäftigte sich intensiv mit Militärgeschichte. Er besuchte Museen, historische Schlachtfelder und Orte, die mit den Weltkriegen verbunden sind. Der Versuch bestand darin, sich der Perspektive jener Menschen anzunähern, die an diesen Orten gekämpft hatten.

Aus dieser Beschäftigung entstand eine ungewöhnlich differenzierte Sicht auf das Thema Krieg.

Ruhm, Ehre und Opfer spielen in den Texten durchaus eine Rolle. Doch sie werden selten als einfache Heldengeschichte erzählt. Stattdessen steht die Frage im Raum, was Menschen dazu bringt, in den Krieg zu ziehen – und wer am Ende tatsächlich gewinnt.

Die Antwort fällt ernüchternd aus: Eigentlich niemand.

For Victory: kontrollierte Wut

Für Johannes ist For Victory bis heute ein persönlicher Favorit. Das Album von 1994 verbindet die gewachsene Death Metal Schwere mit einer wieder etwas höheren Geschwindigkeit.

Was dabei entsteht, beschreibt er als eine Art „kontrollierte Wut“. Die Songs sind aggressiv und direkt, gleichzeitig aber von starken Melodien geprägt.

Gerade „For Victory“ beziehungsweise die von Spearhead hervorgehobenen Stücke des Albums zeigen, wie gut Bolt Thrower Härte und Eingängigkeit miteinander verbinden konnten.

Diese Kombination wurde zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Erfolgs: brutal, aber nicht beliebig; schwer, aber trotzdem melodisch; direkt, aber musikalisch präzise.

Wechselnde Besetzungen, ein unverwechselbarer Kern

Nach For Victory begann eine Phase mit mehreren Besetzungswechseln. Sänger Karl Willetts und Schlagzeuger Andrew Whale verabschiedeten sich zunächst aus dem Tourbetrieb. Für Liveauftritte sprang unter anderem Martin van Drunen ein, später übernahm Dave Ingram zeitweise den Gesang.

Trotz der personellen Veränderungen blieb der musikalische Kern der Band erhalten.

1998 kehrte Karl Willetts für Mercenary noch einmal zurück. Das Album brachte Stücke wie „Zeroed“ und „No Guts, No Glory“ hervor und zeigte, dass Bolt Thrower auch nach den turbulenten Jahren nichts von ihrer Durchschlagskraft verloren hatten.

Gerade „No Guts, No Glory“ funktioniert für Spearhead auch live hervorragend. Die Songs laden zum Mitsingen und Mitgrölen ein – und genau diese unmittelbare Reaktion des Publikums ist es, die die Musiker an ihren Konzerten besonders schätzen.

Kleine Clubs statt großer Gesten

Überhaupt spielt die Nähe zum Publikum für Spearhead eine große Rolle.

Die Musiker lieben kleinere Clubs, in denen die Menschen nicht nur zufällig vor der Bühne stehen, sondern gezielt wegen der Musik gekommen sind. Viele kennen die Songs auswendig, spielen Luftgitarre und singen mit.

Diese direkte Verbindung zum Publikum unterscheidet sich deutlich von großen Festivalbühnen. Beides hat seinen Reiz, doch gerade im kleinen Club entsteht jene verschwitzte, unmittelbare Atmosphäre, die zum Geist von Bolt Thrower passt.

Und Spearhead versteht sich dabei nicht ausschließlich als Tribute-Band.

Ein Teil ihrer Mission besteht darin, Bolt Thrower auch Menschen näherzubringen, die die Musik bisher nicht kennen. Wer nach einem Spearhead Konzert nach Hause geht und anschließend zum ersten Mal Realm of Chaos oder For Victory auflegt, hat für die Band bereits etwas gewonnen.

Ein Vermächtnis, das nicht stillsteht

Mit Honour – Valour – Pride und Those Once Loyal ging Bolt Thrower schließlich in ihre letzte Schaffensphase. Auch hier blieb die Band ihrem Grundprinzip treu: schwere Riffs, militärische Themen, kompromisslose Musik und eine erstaunliche Konsequenz.

Those Once Loyal sollte 2005 das letzte reguläre Studioalbum werden. Danach veröffentlichte Bolt Thrower kein weiteres Album mehr. Statt den eigenen Zenit zu überschreiten, entschied sich die Band letztlich dafür, das bereits Erreichte für sich stehen zu lassen.

2016 folgte die offizielle Auflösung.

Spearhead sehen darin keinen Grund, die Musik verstummen zu lassen.

Der Panzer rollt weiter

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke von Bolt Thrower: Die Band muss nicht mehr existieren, um präsent zu sein.

Ihre Alben sind abgeschlossen. Ihre Geschichte ist erzählt. Aber die Songs funktionieren weiterhin – und zwar nicht nur auf Platte, sondern vor allem dort, wo Bolt Thrower immer am stärksten waren: vor einem verschwitzten Publikum, mit Verstärkern auf Anschlag und Menschen, die gemeinsam zu diesen Riffs den Kopf bewegen.

Spearhead übernehmen dabei nicht den Platz von Bolt Thrower. Das wäre weder möglich noch sinnvoll.

Sie halten vielmehr eine Tür offen.

Für diejenigen, die Bolt Thrower damals live erlebt haben. Für Fans, die die Band erst nach ihrer Auflösung entdeckt haben. Und für alle, die verstehen wollen, warum diese britische Band aus Coventry einen der markantesten Sounds der Death-Metal-Geschichte geschaffen hat.

Der Panzer steht also nicht still. Er rollt weiter!

Schall und Laut

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