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Coppelius – live im Musikzentrum Hannover

Das Musikzentrum Hannover zeigt sich an diesem Abend von seiner typischen Seite: voll, warm, leicht unübersichtlich. Ein Ort, an dem Konzerte erlebt werden – und genau deshalb perfekt für Coppelius. Noch bevor das Licht ausgeht, liegt diese spezielle Spannung in der Luft, irgendwo zwischen Neugier und Vorahnung.

Der Einstieg: langsam, kontrolliert, wirkungsvoll

Unter lautem Jubel betreten die Herren die Bühne. Zylinder, Gehrock, ernste Gesichter. Alles wirkt bewusst gesetzt, nichts hektisch. Dann geht das Licht kurz runter, und Coppelius beginnen, den Raum Stück für Stück in ihre eigene Welt zu ziehen.
Cello und Drums legen den Grundstein, das Publikum klatscht sich ein, die Klarinette setzt Akzente. Der Einstieg nimmt sich Zeit, baut Spannung auf, ohne zu drängen. Man merkt sofort: Das hier folgt keiner klassischen Konzertdramaturgie.

 

Bastille übernimmt

Bastille ist weit mehr als nur Sänger. Er führt durch den Abend, kommentiert, verbindet und lenkt. Sein leicht hektischer, trockener Humor bricht immer wieder die strenge Ästhetik. Stimmlich bewegt er sich irgendwo im dunklen Grenzbereich zur Gothic-Szene, ohne sich festzulegen. Coppelius bleiben dabei immer eigenständig.

Schon früh wird mit Rollen gespielt. Beim zweiten Song übernimmt zunächst der Klarinettist den Gesang. Bastille zieht sich kurz zurück, wischt sich den Schweiß von der Stirn und übernimmt dann wieder. Rhythmisch, fast beschwingt. Die düstere Optik täuscht – der Groove sitzt sofort.

 

Der Elefant im Raum

Natürlich darf der Elefant im Raum nicht fehlen. Bastille kündigt ihn mit ernster Miene an, das Publikum lacht bereits. Bastille räumt den Notenständer zur Seite, während Herr Voss sitzen bleibt und fragt, ob denn etwas auffalle. Die Antwort ist schnell gefunden: keine Strümpfe. Die Erklärung dafür soll später folgen.

 

Beschwingt, verspielt, dann plötzlich punkig

„Nur für dich“ bringt Bewegung in den Saal. Klatschen im Takt, leichte Stimmung, textsicheres Mitsingen. Zeilen wie „Alles du, alles ich, alles fast schon ein Gedicht oder nichts“ bleiben hängen, ohne aufdringlich zu sein.

Ein späterer Song beginnt mit einem kleinen Moment am Spinett – deutlich zu hoch angesetzt. Bastille greift ein, schiebt den Spieler wortlos ein Stück zur Seite. Jetzt passt es. Gelächter. Danach wird es ruhig: Gesang und Spinett allein, Bass, Klarinette und Cello sliden langsam dazu. Alles wächst organisch.

Dann kippt die Stimmung wieder. Der Klarinettist übernimmt erneut den Gesang, plötzlich liegt ein fast punkiger Vibe über dem Raum. Roh, direkt, überraschend. Coppelius wechseln mühelos die Richtung, ohne ihre eigene Handschrift zu verlieren.

Abstimmung, Bewegung und Druck

Es ist längst sehr warm im nahezu ausverkauften Saal. Bastille fragt trotzdem, ob es warm genug sei – er schwitze schließlich noch nicht. Die Antwort fällt eindeutig aus. Stattdessen wird abgestimmt. Zwei Songs stehen zur Wahl, die Entscheidung ist schnell klar: Der Luftschiffharpunist. Der Song geht sofort nach vorne, der Saal tanzt.

„Der Musikus“ setzt noch einen drauf. Auf der Bühne wird geheadbangt, Frack und Zylinder verlieren jede Bedeutung. Der Song schiebt ordentlich und reißt mit.

Zeitreise und Kontrolle

Danach wird es ruhiger. Eine Ballade, möglichst schnell, wie Bastille anmerkt. Am Spinett Herr Max Coppella. Bass und Cello sliden sanft hinein. „Es fiel ein Himmelstaue“ fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise ins frühe 19. Jahrhundert. Entschleunigt, fast entrückt.

Bei „Contenance“ wird das Publikum Teil des Songs. Monoton, aber exakt im Takt hallt das Wort durch den Raum, dirigiert von Bastille. Der Text selbst ist alles andere als beherrscht – genau dieser Widerspruch funktioniert hervorragend.

„Coppelius hilft“ schlägt danach melancholische, getragene Töne an. Ein kurzer Moment zum Durchatmen.

Geschichten, neuer Song und ein echtes Highlight

Es folgen Geschichten über Opern, Jubiläen und erneut über Herrn Voss. Normalerweise am Kontrabass, heute an der Bassgitarre. Ein Keksunfall, eine gebrochene Schulter, eine Tour, die kurz auf der Kippe stand. Umso schöner, dass er hier sitzt. Großer Applaus.

Ein neuer Song vom Album Abwärts feiert seine Ur-Ur-Uraufführung. „I Hate“ ist ein klassischer Mitmachsong. Hey, hey, hey. Funktioniert sofort.

Mein persönliches Highlight folgt wenig später: ein minutenlanges Drumsolo auf Mozarts Kleine Nachtmusik. Linus von Doppelschlag liefert Doublebass, Präzision und Druck. Klassik trifft Metal. Sehr stark.

Sekt, Zugabe und Schluss

Zwischendrin wird sogar noch Sekt ausgeschenkt – zumindest in den ersten Reihen. Höchstpersönlich serviert von Bastille. Bühne und Publikum rücken endgültig zusammen.

Als Zugabe gibt es „Chop Suey!“, den System-of-a-Down-Klassiker in der Coppelius-Version. Zum Finale geht noch einmal richtig mies die Post ab. Laut, chaotisch, vollkommen passend.

Fazit

Unterm Strich ist es ein äußerst gelungener Abend. Zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Der Sound ist okay, das Licht sensationell abgestimmt. Vor allem aber ist das hier etwas ganz anderes als das, was man sonst oft serviert bekommt. Und ziemlich sicher nicht das letzte Mal, dass ich Coppelius live sehe.

Vielen Dank an Living Concerts für die Akkreditierung und den freundlichen Empfang.

Text: HJ

Fotos: SR

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