KKR Im Interview bei DEIN WOLFSBURG

 

METALLVERARBEITENDE INDUSTRIE UND HEAVY METAL; DAS PASST EIGENTLICH GUT ZUSAMMEN: UMSO ÜBERRASCHENDER, DASS ES IN WOLFSBURG ZWAR EINE ALTE METAL-SZENE GIBT, DOCH DASS DIESE RECHT KLEIN IST: DEM STEUERT KAY POTRECK (44) ENTGEGEN: PARALLEL ZU SEINER ARBEIT BEI VW BETREIBT ER DAS METAL-LABEL KERKRAFTRITTER RECORDS: EIN GESPRÄCH MIT IHM UND SEINER LABELBAND KINNARA ÜBER WURZELN IM PUNKROCK, FREUNDE IN DER KARIBIK UND DAS SCHWIERIGE PROPHETENDASEIN IM EIGENEN LANDE.

„Hart – aggressiv – laut“ sei die Musik auf Kernkraftritter Records (KKR), sagt der Slogan. Doch birgt der gute alte Heavy Metal auch bei KKR eine davon abweichende breite Vielfalt an Unter-Stilen, zugunsten einer größeren Zielgruppe. „Wenn es nach mir ginge, wäre das Label langweilig“, grinst der Chef: „Nur Geballer.“ Das bedienen zwar viele seiner Bands, aber eben nicht alle: „Booze Control“ etwa zelebrieren die New Wave of British Heavy Metal, „Der Fluch“ wird einer gruftigen Form des Punk zugeordnet. Punk ist dann auch die Musik, in der Potreck seine Wurzeln hat. Und seine Lebenseinstellung: Er schmiss 1990 seine Maurerlehre, „ich hab mir damals nix sagen lassen“, zog von Grasleben nach Wolfsburg und begann, bei VW zu arbeiten. Und auf Punk-Konzerte zu gehen: „Man war damals immer im Kaschpa“, dem heutigen Kulturzentrum Hallenbad:

Eine Punkband war es auch, OHL aus Leverkusen, über die Potreck zum Labelbetreiber wurde: Er beteiligte sich 2005 an ihrer Jubiläums-CD und kuratierte danach diverse Tribut-Sampler. Dabei ersann er den Namen Kernkraftritter Records, nach einem OHL-Song. Die tatsächliche Labelgründung erfolgte 2013, als die Wolfsburger Metal-Band Diary About My Nightmares ihn fragte, ob er deren fertiges Album herausbringen wollte. „Das mache ich mal“, sagte er sich und befasste sich mit den Erforderlichkeiten. „The Mean Hour“ erschien dann als Katalognummer KKR02. Die Nummer KKR01 indes ist zensiert: Dabei handelt es sich um eine Live-DVD von Debauchery, mit einem Bonus-Clip, gegen den die FSK Einwände hatte. Potreck grinst: „Kann ich doch nix dafür, dass die keinen Spaß verstehen.“

 

Das Label betreibt Potreck aus dem heimischen Keller, mit Leidenschaft und einem immensen Arbeitsaufkommen. Sein wichtigster Job sind Kontakte: „Netzwerke bilden.“ Zu bundesweiten Metal-Communities etwa: Man tauscht untereinander Live-Bands aus, denn „Konzerte repräsentieren mein Label“. Über Fanzines und Magazine macht er seine Bands direkt bei der Zielgruppe bekannt. Auch kooperiert er mit Radiosendern in Braunschweig und in Wacken sowie mit jemandem namens Metal Messiah: „Das ist ein Typ in der Karibik, der ist eigentlich Toyota-Händler, der interviewt die Bands per Skype.“

Für einige Aktivitäten hat Potreck Partner: für Layout, Promotexte, Urheberrecht und Vertrieb. Seit der Vertrieb Al!ve KKR in sein Repertoire aufgenommen hat, sind die Alben überall erhältlich – ein Quantensprung für das Label. Potreck übernimmt derweil Promotion, Merchandise, den YouTube-Kanal und den Webshop. Und natürlich das Herzstück: Alben veröffentlichen. Die Aufnahmen besorgen die Bands selbst. Mit Potreck besprechen sie das Artwork, lesen das Booklet Korrektur, „besonders die Trackliste“, und erstellen ein Image der CD fürs Presswerk. Die Auswahl der Bands ist ebenfalls Potrecks Sache: Einige fragt er selbst, andere treten an ihn heran. Nicht alle haben Erfolg: „Ich lehne auch Bands ab, die mir nicht gefallen.“ Finanziell kommt mit KKR nämlich nicht viel herum, „und wenn ich schon kein Geld verdiene, dann mit Bands, die ich mag – es muss menschlich passen“.

Inzwischen gibt es über 30 KKR-Veröffentlichungen, von Bands wie Peter Grusel und die Unheimlichen, Goats Rising, Headshot, Revolt, Scarnival, Devastator – und der Death-Metal-Band Kinnara, mit Schlagzeuger Rocky, Sänger André Pennewitz, Bassist Sascha Hirschberger und Gitarrist Frank Regelmann. Vor zehn Jahren starteten sie, zunächst nur live: „Wir haben nie etwas aufgenommen“, so Pennewitz. „Die Leute haben aber nach einer CD gefragt.“ Die bot ihnen dann Potreck auf seinem Label an. Sie sagten zu – und sind glücklich: „Wir werden super supportet“, schwärmt Pennewitz.

„Es ist für jede Band ein Traum, bei großen Händlern im Regal zu stehen und auch weiter weg zu spielen – Kay steckt alles an Energie in uns.“ Ihre Musik nehmen Kinnara dabei ernst, sich selbst aber nicht zwingend: „Wir sind eine sehr lustige Band.“ Zusätzlich leisten sie sich noch das Projekt Cockrock Petus Penetration. Stationen vor Kinnara waren Stillborn Child, Very Wicked, Meathook Up My Rectum und Hellblazer.

Sie alle sind Teil der kleinen, aber wirksamen Wolfsburger Metal-Historie. Unter den Ersten waren 1988 Heavens Gate, deren Gitarrist Sascha Paeth heute ein weltweit gefragter Produzent und Studiomusiker ist, darunter für Avantasia, sowie 1986 die Thrash-Metaler Protector, die deren Chef Martin Missy heute in Schweden weiterführt. Wichtige Bands waren Wasteland, deren Bassist Frank Neugebauer später mit Purgamentum Black Metal machte, die Ur-Gifhorner Uppercut sowie die Vorsfelder Ettec, die auf dem Karibik-Kreuzfahrtschiff „70 Tons Of Metal“ spielten. Dissouled machten Grindcore, deren Multiinstrumentalist Steffen Brandes ist heute bei Cryptic Brood – und bildet den Kern des gegenwärtigen Metal in Wolfsburg, nicht nur mit seinem Label Lycantrophic Chants: „Er holt die Bands von überall ins Jugendhaus Ost“, so Pennewitz. „Da lebt die Szene.“

Denn darüber hinaus gibt es derzeit nur das „Break Your Neck“-Festival von Revolt im Hallenbad, ansonsten lohne sich Metal in Wolfsburg live nicht, sagt Labelchef Potreck: Das Publikum und die Auswahl der Locations seien zu gering. Als es das Schlachthaus noch gab, veranstaltete er dort die Punkexplosion und Kinnara die Death Night, das war 2007. Aktuell weiche er nach Braunschweig und Hannover aus, um seine lokalen Veranstaltungen auszurichten.

Es ist eine Menge Arbeit, die Potreck nach Feierabend für sein Label leistet: „Es macht mir viel Spaß.“ Eines macht er indes nicht: selbst Musik. „Leider nicht“, sagt er und fügt an: „Ist vielleicht aber auch besser so.“

MB

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